Wer durch ein beliebiges deutsches Gewerbegebiet fährt, sieht Problem und Lösung in einem einzigen Bild: hektarweise flache Hallendächer, aber keine Photovoltaik-Anlagen. Dabei wird an anderer Stelle erbittert um jede Fläche für die Energiewende gestritten. Aus unserer täglichen Arbeit mit Eigentümern großer Dachflächen sind wir überzeugt, dass hier die vielleicht größte und zugleich günstigste Photovoltaik-Reserve des Landes liegt. Und wir sind ebenso überzeugt, dass wir sie nicht heben, weil wir als Branche die falschen Debatten führen.
Die öffentliche Aufmerksamkeit gilt Photovoltaik-Anlagen auf Freiflächen und auf Eigenheimen. Beide sind wichtig. Aber die Dächer von Logistikzentren, Produktionshallen, Lagern, Supermärkten und landwirtschaftlichen Betrieben sind in der Summe eine Fläche, gegen die sich jede Diskussion über Ackerland klein ausnimmt. Diese Dächer sind bereits erschlossen, sie tragen keine Nutzungskonflikte aus, und sie liegen genau dort, wo der Strom verbraucht wird. Trotzdem bleiben die allermeisten von ihnen leer. Die Gründe dafür sind nicht die, die üblicherweise genannt werden.
Es liegt nicht an der Technik und selten am Geld
Wenn wir mit Eigentümern sprechen, ist das erste Missverständnis fast immer dasselbe. Sie glauben, eine Photovoltaik- Anlage bedeute für sie eine Investition, ein technisches Risiko und dauerhaften Aufwand. Kaum jemand weiß, dass er sein Dach verpachten und damit eine laufende Einnahme erzielen kann, ohne einen Euro auszugeben und ohne sich um Planung, Betrieb oder Wartung zu kümmern. Das ist keine exotische Nische, sondern etabliertes Geschäft. Nur kommt die Information beim Eigentümer nicht an.
Bei vielen Objekten macht ein weiterer Punkt das Modell interessant. Ist das Dach in die Jahre gekommen und ohnehin sanierungsbedürftig, lässt sich die Sanierung mit der Verpachtung verbinden. Der Investor braucht für zwei Jahrzehnte ein tragfähiges und dichtes Dach und hat deshalb ein eigenes Interesse daran, sich an der Sanierung zu beteiligen. Die Kosten werden mit den Pachterlösen verrechnet. Das macht die Sanierung nicht zum Nulltarif, denn in vielen Fällen liegt sie über dem, was die Verpachtung über die Laufzeit einbringt. Aber sie senkt den Eigenanteil des Eigentümers und verteilt ihn über die Jahre, statt ihn als große Einmalausgabe zu tragen. So kommt ein Vorhaben in Bewegung, das der Eigentümer sonst weiter aufschieben würde.
Das zweite Hindernis ist strukturell und wird in der Branche massiv unterschätzt: Die Eigentümerseite ist kompliziert. Ein Hallendach gehört oft nicht einer einzelnen Person, sondern einem Fonds, einer Erbengemeinschaft oder einer Eigentümergemeinschaft. Nutzer und Eigentümer sind häufig verschiedene Parteien mit gegenläufigen Interessen. Wer soll die Entscheidung treffen, wer verantwortet sie, und wer erklärt sie den übrigen Beteiligten? An dieser Stelle scheitern in der Praxis mehr Projekte als an jeder technischen Frage. Es fehlt nicht die Technik. Es fehlt die Person, die den Entscheidungsprozess durch diese Struktur führt.
Die Branche schreibt zu viel ab
Dazu kommt eine Haltung, die wir für einen teuren Fehler halten: Viele Anbieter winken bei Dächern unter 800 oder 1 000 Quadratmetern ab, weil sich der Aufwand angeblich nicht lohne. In der Einzelbetrachtung mag das stimmen. In der Summe schreiben wir damit einen gewaltigen Teil des Bestands ab, gerade im Mittelstand und in der Landwirtschaft, wo die wirklich große Zahl geeigneter Dächer liegt. Wir machen aus der eigenen Bequemlichkeit eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Die kleineren Dächer bleiben leer, weil wir entschieden haben, dass sie sich nicht lohnen. Unserer Erfahrung nach lohnen sie sich sehr wohl, sobald man Prozesse und Verträge darauf auslegt, bereits ab 500 Quadratmetern zu arbeiten statt erst ab 1000.
Pflicht erzeugt Pflichterfüllung, kein Engagement
Die Politik hat das Problem erkannt und antwortet mit der Solarpflicht. Wir verstehen den Impuls, und in einzelnen Ländern bewegt sich dadurch etwas. Aber eine Pflicht erzeugt vor allem eines: widerwillige Mindesterfüllung. Wer etwas tun muss, tut das Nötigste, oft mit der kleinstmöglichen Anlage und ohne echtes Interesse. Der weitaus stärkere Hebel liegt woanders und wird kaum genutzt. Man muss dem Eigentümer nicht androhen, dass er handeln muss. Man muss ihm zeigen, dass er ohne Kosten und ohne Risiko Geld verdienen kann. Ziehen wirkt hier besser als drücken. Solange wir die Verpachtung als attraktives Angebot nicht bekannter machen als die Pflicht als Drohung, verschenken wir Tempo.
Was den Unterschied machen würde
Aus alldem folgt für uns eine klare Reihenfolge. Erstens sollten wir das Dach konsequent als das behandeln, was es für den Eigentümer sein kann: eine Vermögensanlage, die ohne Eigenkapital eine gesicherte Rendite abwirft. Zweitens müssen wir die Größenschwelle senken und den Mittelstand ernst nehmen, statt nur die großen Logistikdächer zu umwerben. Drittens, und das ist das Entscheidende, muss jemand dem Eigentümer den gesamten Weg abnehmen, von der Prüfung der Statik über die Absicherung im Grundbuch bis zum unterschriebenen Vertrag. Nicht der Eigentümer soll zum Energiefachmann werden. Die Anlage soll auf sein Dach kommen, ohne dass er sich verändern muss.
Die Gigawatt, über die wir reden, liegen längst bereit. Sie liegen auf den Dächern der Gewerbegebiete, der Höfe und der Logistikzentren, günstiger und schneller verfügbar als jede Freifläche. Die Frage ist nicht, ob wir sie brauchen. Die Frage ist, ob Branche und Politik endlich aufhören, an ihnen vorbeizuschauen.
Über die Autoren
Christian Ahrenkiel ist Geschäftsführer der Charged Elements GmbH in Hamburg, Isabelle Fischer gehört dort ebenfalls zum Team. Das Unternehmen vermittelt über die Plattform dachverpachten.net die Verpachtung gewerblicher, industrieller und landwirtschaftlicher Dachflächen an Photovoltaik-Investoren und begleitet Eigentümer von der ersten Dachprüfung bis zum unterschriebenen Vertrag.