Kürzlich hat die Firma Richter Aluminium in Schutterwald nahe der französischen Grenze ihre Fassade streichen lassen. An die Stelle eines kühlen Blaus tritt nun ein freundliches Grün. „Wir sind auf dem grünen Weg“, sagt Marco Kohns, kaufmännischer Leiter des Unternehmens, „und wollen das auch zeigen.“ Was sich bislang im Inneren des Strangpresswerks verändert hat, wird nun zunehmend auch nach außen sichtbar. Doch beginnen wir innen.
Bei Richter wird Aluminium umgeformt. Dafür werden Aluminiumblöcke in Öfen auf 500 Grad erhitzt und dann durch Presswerkzeuge in neue Formen gepresst. So entstehen zum Beispiel Alu-Schienen für Photovoltaik-Unterkonstruktionen. Das Aufheizen des Rohmaterials ist sehr energieintensiv. Die Blöcke wurden dafür früher durch Gasöfen geschickt, doch die Gaskrise zeigte der Industrie sehr deutlich die Risiken.
„In der Gasmangellage waren wir aufgerufen, Zeitfenster zu nennen, in denen wir den Gasbezug reduzieren können“, erinnert sich Kohns. „Dahin wollen wir nicht zurück“. Der erste Schritt war daher, 2024 eine der beiden Fertigungsstraßen mit zwei neuen Öfen auszurüsten. Ein energieeffizienterer Gasofen bringt die Rohlinge auf 300 Grad und ein magnetisch-induktiver Elektroofen übernimmt die restlichen 200 Grad. Das funktionierte so gut, dass im März 2026 die zweite Fertigungslinie gleich zwei Induktionsöfen bekam. Der Vorteil ist zum einen die bessere Energieeffizienz der elektrisch betriebenen Öfen ohne CO2-Ausstoß und Abgase. Zum anderen erhitzt das Induktionsprinzip den Rohling auch schneller und gleichmäßiger von innen heraus, erläutert Kohns.
Effizient mit eigenen Energiequellen
Als größter Vorteil erweist sich aber die Möglichkeit, den Strom selbst zu gewinnen. Und damit sind wir außen. Auf dem Dach der Produktionshallen wurde eine Photovoltaik-Anlage mit 2,5 Megawatt Leistung errichtet und demnächst sollen noch zwei Windräder mit jeweils zwei Megawatt aufgestellt werden. Diese werden von einem Windpark gebraucht gekauft, der die Anlagen preisgünstig abgibt, um selbst Anlagen mit höherer Leistung zu errichten.
Je nach Auslastung werden in Schutterwald bis zu 27.000 Tonnen Aluminium pro Jahr verarbeitet. Dafür benötigt das Werk etwa sieben Gigawattstunden Strom. „Mit den beiden Erzeugungsanlagen haben wir künftig zwei komplementäre Stromquellen – Wind und Sonne – die uns zu 70 Prozent autark machen werden“, sagt Kohns. Da Gas und Strom bislang zugekauft wurden, waren langfristige Terminkontrakte die einzige Möglichkeit den Preis zu beeinflussen. Jetzt wird sich das ändern.
Der selbstproduzierte Strom ist aufgrund der vermiedenen Netzentgelte und Steuern und der gleichbleibenden Erzeugungskosten langfristig niedrig. Zugleich entlastet er den Netzanschluss. Denn der Nachteil der neuen elektrischen Öfen ist, dass sie hohe Lastspitzen verursachen können. Doch diese kann das Unternehmen mithilfe von Batteriespeichern abfedern. Ds Unternehmen Seine Batteriesysteme aus Dülmen hat die Umstellung auf erneuerbare Erzeugung bei Richter Aluminium begleitet und anhand der vorliegenden Leistungsdaten eines Jahres die zu erwartenden Lasten simuliert.
Demnach kann eine Batterie mit zwei Megawattstunden Kapazität und einem Megawatt Leistung die Spitzen sicher glätten. Sie lässt sich bei Bedarf auch „erheblich“ reduzieren. Zum Beispiel in den vom Netzbetreiber Gemeindewerke Schutterwald definierten Hochlastzeitfenster in den Wintermonaten. Damit kann sich der Betrieb ab 2027 für die atypische Netznutzung im Netzgebiet anmelden und für ein individuelles, und in der Regel deutlich günstigeres Netzentgelt qualifizieren. Das hätte gleichzeitig den Vorteil, dass der Netzanschluss außerhalb der Hochlastzeitfenster beliebig ausgenutzt werden kann. Wie lange das gilt, steht allerdings noch nicht fest, da die Beschlüsse zur Netzentgeltreform noch ausstehen, die ab 2029 die heutige Systematik ersetzen sollen.
Nächste Schritte – dynamische Strompreise und Windräder
Neben der Lastspitzenkappung kann das Batteriesystem die Eigenstromnutzung verbessern und dabei helfen, bei der Einspeisung Zeiten mit negativen Strompreisen zu vermeiden. Außerdem will Kohns nach dem Auslaufen der langfristigen Stromterminverträge zunehmend dynamische Strompreise nutzen. Auch hier kann der Batteriespeicher dabei helfen, die teuersten Stunden zu meiden und die preisgünstigen Stunden auszunutzen.
„Wir müssen jetzt erst einmal Erfahrungswerte sammeln“, betont er. Er sei sich jedoch sicher, dass sich die Investition in den Batteriespeicher innerhalb weniger Jahre rentiert. Das Ziel sind drei Jahre. Zwar wird Kohns auch den Industriestrompreis und die Strompreiskompensation im Blick behalten, jedoch sieht er Richter Aluminium mit dem bisher eingeschlagenen Weg auf einem klaren Pfad zur Klimaneutralität bis 2030, zumindest für Scope 1 und 2, die Bereiche, die er direkt beeinflussen kann. Schon heute kauft er nur Grünstrom zu und der Austausch des letzten Gasofens ist ein Schritt, der folgen wird, sobald die aktuellen Investitionen Früchte tragen und die Energiekosten senken.
Langfristig sind Photovoltaik, Wind und Batteriespeicher verlässlicher als politisch motivierte Zuschüsse zum Strompreis.
Saredin Seine, Geschäftsführer von Seine Batteriesysteme, rät seinen Kunden davon ab, sich auf politisch motivierte Rabatte, wie den Industriestrompreis zu verlassen. Sie beträfen nur eine kleine Auswahl von berechtigten Branchen und „sie können ganz schnell wieder gestrichen werden.“ Langfristig seien Photovoltaik, Wind und Batteriespeicher deutlich verlässlicher.
Und noch ein Punkt fällt an dem Projekt auf. Die deutschen Unternehmen Seine Batteriesysteme und Richter setzen bei der Auswahl ihrer Partner und Komponenten auf europäische Wertschöpfung. Die 11 Speicher mit jeweils 183-Kilowattstunden-Batteriekapazität stammen von TAB, einem Hersteller aus Slowenien der das Produkt, abgesehen von den reinen Zellen, selbst fertigt. Die 92-Kilowatt-Wechselrichter stammen von Kaco.
Das Beispiel offenbart uns drei Wahrheiten. Auch klassische und energieintensive Industrieunternehmen können elektrifizieren, auf Gas mit all seinen Risiken verzichten, und sie können ihre Energiekosten selbst senken. Möglich wird das durch Photovoltaik und Windkraft und den Batteriespeicher, der das letzte Puzzleteil für eine sichere Versorgung darstellt. Die Konkurrenz durch sowie die Abhängigkeit von China kann zurückgedrängt werden, wenn Resilienz, Verfügbarkeit und kurze Wege in den Vordergrund rücken.