Ü20-Anlagen: Nicht jede alte Photovoltaik-Anlage ist ein Sanierungsfall

Die Welle rollt: Auf immer mehr Dächern stehen mittlerweile Photovoltaikanlagen, deren EEG-Vergütung nach 20 Jahren abgelaufen ist oder in den nächsten Jahren endet. Ein Blick auf die Zubauzahlen der Nullerjahre (Grafik) zeigt, dass die erste Ü20-Welle vor allem ein Residential-Thema mit Dachanlagen unter zehn Kilowatt war. Da Module damals deutlich weniger Leistung lieferten und die Preise hoch waren, wurden viele Dächer nur mit wenigen Kilowatt belegt. Ab 2004 lag der größte Zubau im Bereich von Anlagen zwischen 10 bis 30 Kilowatt. Ebenfalls nimmt dann aber auch schon das größere Segment von Anlagen auf Gewerbedächern, Schulen oder Hallen mit mehr als 30 Kilowatt Leistung an Fahrt auf. Genau diese Dächer stehen nun wieder auf der Auftragsliste der Installateure.

Eines dieser Pionierdächer steht auf einem Schulgebäude in Coburg. Solarexperte Thomas Vorderwülbecke errichtete dort 2005 eine rund 66 Kilowattpeak-Anlage, sukzessive mit unterschiedlichen Modultechnologien. Damit war das fertige Schuldach ein kleines Solarlabor der Nullerjahre: First-Solar-Dünnschichtmodule, später Module aus einer speziellen Silizium-Bändertechnik und dann monokristalline Module. „Die Erträge sind auch nach zwei Jahrzehnten konstant und die solide Unterkonstruktion hält“, sagt Vorderwülbecke, der die Anlage auch betreibt. Dennoch forderte ihn die Stadt im April zur Demontage auf. Vorderwülbecke hat bereits Unterverteilungen entkabelt, Stringleitungen entfernt und neun Wechselrichter abgehängt.

„Leider kam es nie zu einer Gesprächsrunde, was wir mit Anlagen machen, wenn die 20 Jahre EEG-Vergütung vorbei sind“, sagt er. Aus seiner Sicht wäre es sinnvoller gewesen, wenn die Stadt die Anlage übernommen und auf Eigenstromnutzung für die Schule umgerüstet hätte.

Im privaten Sektor kann das eine wirtschaftliche Alternative sein, wie Berechnungen der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg zeigen. Demnach kostet der Solarstrom vom eigenen Hausdach nach 20 Jahren umgerechnet drei bis vier Cent pro Kilowattstunde – die Anlage ist abgeschrieben und die in diesen Centbetrag eingerechneten Betriebskosten für Wartung und Versicherung sind gering.

Das gleiche Haus, links mit der 3,12-Kilowattpeak-Anlage im Jahr 2002, rechts mit der 13-Kilowatt-Anlage im Jahr 2013, beide errichtet von Dach­deckermeister Ralf Arnolds. Die neuen Module liefern fast die vierfache Leistung auf der gleichen Dachfläche. | Fotos: Ralf Arnolds

Für gewerbliche Dächer, wie in Coburg, hängen die Trauben dagegen deutlich höher: Komplexe Messkonzepte im Zählerschrank, die man im Fall Energy Sharing benötigt, Dachpacht oder teure Versicherungen verhageln hier oft die schnelle Rechnung. „Rund 800 Euro Versicherung pro Jahr, etwa 170 Euro für Bezugsstromzähler, dem man für Anlagen ab 2007 benötigt, und Stromliefervertrag, dazu Kontrollaufwand und Dachpacht: Mit dem Jahresmarktwert Solar lassen sich diese Kosten kaum decken“, sagt Vorderwülbecke. Der Jahresmarktwert Solar orientiert sich am durchschnittlichen Börsenpreis für Solarstrom und liegt immer erst Anfang des Folgejahres final fest. Für 2025 beträgt er 4,51 Cent pro Kilowattstunde. Bei der 66-Kilowattanlage kann man damit 2.000 bis 2.500 Euro pro Jahr erwarten.

Zwischen Wirtschaftlichkeit und Pioniergeist

Doch Vorderwülbecke wäre kein Solarpionier der ersten Stunde, wenn ihn nur die rein betriebswirtschaftliche Komponente umtreiben würde. Für ihn wiegt die energiewirtschaftliche Absurdität schwerer: „Jede dezentral erzeugte Kilowattstunde vor Ort bedeutet vermiedene Bezugsleistung und vermiedener Netzausbau“, sagt er. Dass mit dem Abriss der Photovoltaikanlage auf dem Schuldach eine funktionierende „Generationen-Infrastruktur“ sehenden Auges verschrottet wird, sei materialwirtschaftlicher Irrsinn.

Auch das gleiche Haus. Links das Schulgebäude mit 66-Kilowatt-Anlage bei Abschluss der Montage im Jahr 2005. Rechts vor der Montage – sieht es bald wieder so aus, weil sich kein Eigenverbrauchskonzept umsetzen lässt? | Fotos: Thomas Vorderwülbecke

Dass ausgeförderte Anlagen so lange wie möglich am Netz bleiben sollten, sagt auch Jörg Sutter, Photovoltaik-Experte der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS): „Zum einen wegen der verbauten Materialien, zum anderen, weil wir für die Energiewende jede Kilowattstunde brauchen – auch wenn aktuell wieder einiges abgeregelt werden muss“. In Zukunft kann es eine Option sein, den Solarstrom an die Nachbarn zu verkaufen. Seit dem 1. Juni müssen Netzbetreiber Energy Sharing anbieten, das man mit einem Dienstleister umsetzen kann (Seite 30). Laut Michael Vogtmann von der DGS Franken kann man damit sechs bis acht Cent pro Kilowattstunde als Erlöse erwarten, wenn man den Nachbarn ein attraktives Angebot machen will. Allerdings dürfte es noch einige Zeit dauern, bis das bei der Mehrzahl der Netzbetreiber wirklich möglich ist.

Ob es sich wirtschaftlich lohnt, eine Altanlage weiterzubetreiben, hängt aus Sutters Sicht auch davon ab, ob ein Hausbesitzer sein Gebäude in Richtung „Prosumer“ umrüstet. „Wenn er sich eine Wärmepumpe einbaut, ein Elektroauto und einen Batteriespeicher zulegt, dann braucht er möglichst viel Strom vom Dach und die Energieflüsse müssen optimal gesteuert werden. Das wäre eine Aufgabe für eine neue Photovoltaikanlage mit Energiemanagement und allen Steuerungsmöglichkeiten“, sagt Sutter.

Vom Solarpionier zum modernen Prosumer

Ein Szenario, das Dachdeckermeister Ralf Arnolds aus der Nähe von Köln in seiner Praxis immer häufiger erlebt. Für einen Kunden baute er 2002 eine typische Anlage der alten Solarzeit: 3,12 Kilowatt (ein Modul leistete 120 Watt damals gegenüber 460 Watt heute) mit Volleinspeisung. Nach Ablauf der EEG-Vergütung im Jahr 2023 entschied sich Anlagenbetreiber Peter Mees für eine Änderung zum Eigenstromverbrauch mit Überschusseinspeisung. Das war mit kleinem Geld möglich: Ein Elektriker entfernte den Zähler der Photovoltaikanlage und klemmte sie nach dem Messkonzept der Überschuss­einspeisung am Hauptzähler an. Von den etwa 2.500 Kilowattstunden, die die Anlage im Jahr erzeugte, konnten nach Ende der Volleinspeisung etwa 1.500 Kilowattstunden selbst verbraucht werden, der Rest wurde eingespeist.

Zubau von Anlagen in den Nullerjahren, soweit sie im Marktstammdatenregister erfasst und noch in Betrieb sind. Dieses Jahr haben die Anlagen mit Baujahr 2005 die Einspeisevergütung verloren. Von den früheren Anlagen sind bereits zehn Prozent außer Betrieb gegangen. | Grafik: pv magazine/Harald Schütt

Jedoch hat sich der Haushalt zwischenzeitlich einen Pool mit Wärmepumpe, drei Klimageräte und ein Elektroauto zugelegt, was den Strombedarf stark gesteigert hat. 2020 lag der jährliche Strombedarf bei rund 3.500 Kilowattstunden, 2024 waren es mehr als 7.500. Da die Dachfläche komplett mit den alten Modulen belegt war, entschied sich Mees für einen Abriss und Neubau der Anlage. Auf derselben Fläche stehen nun 13 Kilowatt und Dachdecker Arnolds installierte zudem ein Speichersystem mit einer Kapazität von 14,8 Kilowattstunden. Das Überraschende: Die neue Anlage bringt fast viermal so viel Leistung wie die alte, kostete in der Installation aber weniger als die alte im Jahr 2002.

Anlagenbetreiber Mees ist mit der wirtschaftlichen Bilanz seiner neuen Anlage zufrieden. Im April erzeugte sie 1.550 Kilowattstunden, während Mees nur 23 Kilowattstunden aus dem Netz bezog. Bei einem erwarteten Jahresverbrauch von mehr als 9.000 Kilowattstunden rechnet Mees damit, mindestens 75 Prozent selbst zu decken und die Stromkosten durch variable Netzentgelte nach Paragraf 14a EnWG noch zu senken. „Die Investition in die neue Anlage ist damit neben der CO2-Vermeidung auch wirtschaftlich sinnvoll“, sagt Mees.

Historischer Blick auf die Montage der Module auf dem Wohnhaus 2002. Damals leistete ein einzelnes Modul gerade einmal 120 Watt. | Foto: Ralf Arnolds

Für Mees ist der Neubau damit wirtschaftlich aufgegangen. Doch mit dem Abbau der alten Module stellt sich zugleich eine zweite Frage: Wohin damit? Dachdecker Arnolds stellt seinen Kunden einen Anhänger bereit, mit dem sie die Module selbst und kostenfrei zur örtlichen Müllsortieranlage bringen können.

Eine andere Idee wäre, noch funktionierende Komponenten für einen guten Zweck zu sammeln und an Entwicklungsländer oder Krisenregionen zu spenden. In der Praxis erweist sich das jedoch oft als wirtschaftlicher Fehlschluss, sagt Willi Ernst, Vorstand der Biohaus Stiftung in Paderborn. „Wir haben gelernt, dass sich der Einsatz von Ü20-Komponenten in Hilfsprojekten rein ökonomisch nicht empfiehlt.“ Die Logistik, ein Sattelschlepper fasse nur etwa 100 bis 150 Kilowatt Module, Transportkosten und der doppelte Aufwand für die Montage fräßen den Nutzwert komplett auf. „Außerdem haben ungefähr 25 bis 30 Prozent der Altmodule Fehler, wie zum Beispiel Hotspots. Die Module liefen zwar noch, aber können nicht verantwortbar weiterverschenkt werden“, sagt Ernst. Als sinnvolles „Zweitleben“ eigneten sich alte Module als Solarzäune. Da sie ebenerdig montiert werden, lassen sich typische Fehler wie eine gelöste Anschlussdose sofort erkennen, bevor eindringender Regen die gesamte Anlage lahmlegt.

Die Ü20-Welle ist kein Randthema für Nostalgiker, sondern entwickelt sich zum handfesten Beratungsmarkt. Auslaufende Einspeiseanlagen bieten dem Handwerk neue Optionen: vom simplen Weiterbetrieb der Anlage bis hin zum ganz neuen Konzept Energy Sharing, welches es Betrieben über externe Dienstleister ermöglicht, ihren Solarstrom direkt an die Nachbarschaft zu verkaufen. Während im privaten Segment die Umstellung auf Eigenverbrauch oder ein vollständiger Neubau wirtschaftlich attraktiv sein kann, erfordern Großprojekte aufgrund hoher Fixkosten eine schärfere Kalkulation.

Tags:Keine Tags