Erst den Markt ermöglichen, dann die Förderung abbauen

Photovoltaik ist längst keine Nischentechnologie mehr. Mit dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien wird zunehmend entscheidend, wann Strom erzeugt, verbraucht, gespeichert oder ins Netz abgegeben wird.

Eine Solaranlage, die mittags bei einem Überangebot ungebremst einspeist, hilft dem Stromsystem weniger als eine Anlage, die Überschüsse speichert und später nutzbar macht. Intelligent gesteuerte Heimspeicher können Strom bei hoher Verfügbarkeit aufnehmen und ihre Einspeisung an den Markt anpassen.

Dass die Bundesregierung die Marktintegration privater Solaranlagen stärker in den Mittelpunkt rückt, ist daher richtig. Problematisch ist die Reihenfolge: Die Einspeisevergütung soll für neue Anlagen schrittweise entfallen, während die Direktvermarktung für viele Haushalte noch nicht einfach und wirtschaftlich verfügbar ist.

Der Förderabbau sollte deshalb an die tatsächliche Marktreife gekoppelt werden. Erhalten Haushalte zuverlässig und zu vertretbaren Kosten ein intelligentes Messsystem? Gibt es wirtschaftliche Direktvermarktungsangebote ohne ein Geflecht separater Verträge? Und lassen sich Solaranlage, Speicher und weitere Geräte herstellerübergreifend steuern?

Eine Pflicht ersetzt kein Geschäftsmodell

Der Regierungsentwurf sieht vor, neue Anlagen schrittweise in die Direktvermarktung zu überführen. Für kleinere Anlagen ist eine auf 36 Monate begrenzte Übergangszahlung vorgesehen, deren Anwendungsbereich nach und nach reduziert wird.

Für Anlagen unter 25 Kilowatt soll ein zeitlich begrenzter Direktvermarktungsbonus die anfänglichen Kosten abfedern. Zugleich soll die Einspeisung neuer Gebäude- und Dachanlagen mit weniger als 100 Kilowatt am Netzanschluss dauerhaft auf 50 Prozent der installierten Leistung begrenzt werden. Steckersolargeräte sind ausgenommen.

Der Entwurf muss noch das parlamentarische Verfahren durchlaufen. Die Richtung ist aber klar: Die feste Vergütung verliert an Bedeutung, während Eigenverbrauch, Speicherung und marktbasierte Erlöse wichtiger werden.

Das kann sinnvoll sein, setzt aber voraus, dass private Anlagen tatsächlich am Strommarkt teilnehmen können. Die Einspeisevergütung war nicht nur eine Förderung, sondern ein einfaches und verlässliches Erlösmodell. Eine gesetzliche Pflicht zur Direktvermarktung schafft noch keinen gleichwertigen Ersatz.

Heute ist die Direktvermarktung kleiner Anlagen noch nicht überall einfach und wirtschaftlich verfügbar. Messdaten müssen vorliegen, die Anlage fernsteuerbar und die Erlöse nachvollziehbar abgerechnet werden. Soll auch die Flexibilität eines Speichers vermarktet werden, müssen Wechselrichter, Speicher und Energiemanagement zuverlässig zusammenspielen. Fehlt ein Teil dieser Kette, entsteht keine vollwertige Alternative zur Einspeisevergütung.

Mehr Markt darf nicht mehr Aufwand bedeuten

Die Debatte wird häufig aus Sicht des Stromsystems geführt. Dabei gerät leicht aus dem Blick, was Marktintegration für Haushalte bedeutet. Hausbesitzer denken nicht in Messstellenbetrieb, Bilanzierung oder Geräteschnittstellen. Sie wollen wissen, ob sich ihre Solaranlage rechnet, welche Erträgen entstehen und ob das System zuverlässig funktioniert.

Die Komplexität des Strommarkts darf nicht an die Verbraucher weitergereicht werden. Haushalte sollten weder mehrere Dienstleister und Verträge koordinieren noch technische Komponenten selbst aufeinander abstimmen müssen. Dafür braucht es integrierte Angebote, die Messung, Steuerung, Vermarktung und Abrechnung zusammenführen. Die Technik muss im Hintergrund arbeiten. Niemand sollte ständig Strompreise beobachten oder manuell entscheiden müssen, wann der Speicher lädt oder Strom eingespeist wird.

Direktvermarktung muss so einfach werden wie der Abschluss eines Stromtarifs. Entscheidend ist nicht, ob eine Anlage theoretisch vermarktet werden kann, sondern ob Haushalte ohne energiewirtschaftliches Spezialwissen teilnehmen können.

Smart Meter schaffen die Grundlage

Der Smart-Meter-Rollout ist eine zentrale Voraussetzung für einen flexibleren Strommarkt. Erst wenn Erzeugung und Verbrauch zeitnah gemessen werden, können Haushalte Solaranlage, Speicher oder Elektroauto intelligent steuern und auf Strompreise reagieren.

Smart Meter bilden die Grundlage für dynamische Stromtarife, automatisierte Direktvermarktung und eine bessere Abstimmung von Erzeugung, Speicherung und Verbrauch. Haushalte können Strom beziehen oder speichern, wenn er günstig verfügbar ist, und ihn zu wertvolleren Zeiten einspeisen.

Viele notwendige Technologien sind bereits vorhanden. Was fehlt, ist ein flächendeckender und massenmarkttauglicher Zugang. Die Bundesregierung muss den Smart-Meter-Rollout beschleunigen und dafür sorgen, dass die darauf aufbauenden Anwendungen einfach, bezahlbar und für private Haushalte verfügbar werden.

Marktreife zeigt sich an der Wirtschaftlichkeit

Bei kleinen Dachanlagen stehen vergleichsweise geringe Strommengen festen Kosten für Messung, Abrechnung und Vermarktung gegenüber. Werden diese Prozesse nicht weitgehend automatisiert und gebündelt, können die zusätzlichen Kosten einen erheblichen Teil der Markterlöse aufzehren.

Haushalte brauchen transparente Angebote ohne komplizierte Zusatzverträge, schwer nachvollziehbare Gebühren oder undurchsichtige Erlösmodelle. Sie müssen erkennen können, welchen finanziellen Vorteil die intelligente Steuerung und Vermarktung ihrer Anlage bringt. Nur dann wird aus einer regulatorischen Verpflichtung ein attraktives Angebot für Endkunden.

Den Übergang an die tatsächliche Nutzbarkeit koppeln

Der Regierungsentwurf erkennt das Problem grundsätzlich an: Die Bundesnetzagentur soll die Übergangsphase für Anlagen unter 25 Kilowatt verlängern können, wenn die technischen und marktlichen Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Direktvermarktung noch fehlen. Diese Möglichkeit darf nicht nur auf dem Papier bestehen. Die Kriterien müssen transparent sein, die Marktentwicklung rechtzeitig geprüft werden und eine Verlängerung muss greifen, bevor Haushalte in eine Lücke zwischen dem bisherigen und dem neuen Erlösmodell geraten.

Der Maßstab ist klar: Ist ein Smart Meter zuverlässig und bezahlbar erhältlich? Gibt es ein wirtschaftliches, integriertes Direktvermarktungsangebot? Und können Geräte verschiedener Hersteller gemeinsam gesteuert werden?

Solange diese Voraussetzungen für die große Mehrheit der Haushalte nicht erfüllt sind, bleibt die Direktvermarktung eher ein theoretisches Konzept als ein belastbares Erlösmodell. Eine Übergangsphase ist deshalb kein Festhalten an der Vergangenheit, sondern die notwendige Brücke in ein intelligenteres Energiesystem.

Die Energiewende braucht mehr Flexibilität. Millionen Solaranlagen und Heimspeicher können dazu beitragen, Erzeugung und Verbrauch besser in Einklang zu bringen. Dafür müssen sie technisch steuerbar und wirtschaftlich sinnvoll in den Strommarkt eingebunden sein.

Die Politik sollte die Direktvermarktung nicht dadurch zum Standard machen, dass sie zuerst das bisherige Erlösmodell abschafft. Sie sollte die Alternative so einfach, verlässlich und wirtschaftlich machen, dass Haushalte sie tatsächlich nutzen können.

Erst den Markt ermöglichen, dann die Förderung abbauen: Das ist keine Verzögerung der Energiewende, sondern die Voraussetzung dafür, dass ihre nächste Phase gelingt.

— Der Autor Matthias Martensen ist CEO und Mitgründer des Berliner Ökostromanbieters Ostrom. Das Unternehmen bietet digitale Stromtarife und Lösungen zur intelligenten Steuerung dezentraler Energieanlagen an. —

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