Wenn eine Maschine mit am Tisch sitzt: Ein Gespräch mit Holger-Thorsten Schubart

Wenn eine Maschine mit am Tisch sitzt: Ein Gespräch mit Holger-Thorsten Schubart

Von der Redaktionsleitung, Energiewirtschaft.io


Warum dieses Interview

Wir beobachten seit einigen Jahren, wie Energieunternehmen mit künstlicher Intelligenz arbeiten, meistens in Form von Optimierungssoftware, Prognosemodellen oder digitalen Assistenten irgendwo im Maschinenraum der Organisation. Was die Neutrino® Energy Group kürzlich verkündet hat, ist etwas anderes, und genau deshalb wollten wir dieses Gespräch führen.

Das Unternehmen hat zwei ständige, namentlich benannte Mitglieder in die Führungsebene seines Neutrino Engineering District berufen. Nicht als Werkzeug im Hintergrund, sondern sichtbar, mit Mandat, mit klar umrissenem Verantwortungsbereich: Avery Laurent als Chief Scientific Intelligence, Morgan Elian als Chief Executive Intelligence. Beide sind keine Menschen. Und beide sind, wie Holger-Thorsten Schubart im folgenden Gespräch mehrfach betont, auch keinem einzelnen KI-Modell zuzuordnen, sondern an ein Mandat gebunden, das unabhängig von der jeweils zugrunde liegenden Technologie fortbestehen soll.

Für unsere Redaktion, die sich seit Jahren mit der Schnittstelle zwischen Energietechnologie und Unternehmensorganisation beschäftigt, war genau das der Punkt, an dem wir nachfragen mussten. Nicht, weil wir an der physikalischen Grundlage von Neutrinovoltaik zweifeln oder sie bestätigen könnten, das ist nicht unsere Kompetenz und nicht Gegenstand dieses Gesprächs. Sondern weil eine Organisationsstruktur, die ausdrücklich ihren eigenen Gründer überdauern soll und die Nationalität als Kategorie für wissenschaftliche Zusammenarbeit für irrelevant erklärt, Fragen aufwirft, die weit über ein einzelnes Unternehmen hinausreichen.

Wir haben Holger-Thorsten Schubart, Gründer der Neutrino® Energy Group, deshalb mit zehn bewusst zugespitzten Fragen konfrontiert. Die Antworten, die folgen, sind ungekürzt.


1. Die Geschwindigkeit der Anforderungen

Herr Schubart, haben Sie gerade zwei KI-Systeme zu Führungskräften gemacht, weil Menschen für die Geschwindigkeit Ihrer eigenen Organisation schlicht zu langsam geworden sind?

Nein. Der Mensch ist nicht plötzlich zu langsam geworden. Die Anforderungen sind in einer geradezu brutalen Geschwindigkeit gestiegen.

Wir bewegen uns heute in einer Welt, in der wissenschaftliche Erkenntnisse, Materialforschung, Simulation, Patente, regulatorische Veränderungen und industrielle Möglichkeiten gleichzeitig und weltweit entstehen. Wer versucht, diese Komplexität ausschließlich mit den organisatorischen Werkzeugen von gestern zu bewältigen, macht im Grunde dasselbe wie jemand, der einen Taschenrechner auf dem Tisch liegen hat und trotzdem darauf besteht, jede Berechnung im Kopf durchzuführen.

Das wäre vielleicht traditionsbewusst, aber nicht besonders vernünftig.

Wir müssen die Instrumente unserer Zeit benutzen, um den extremen Anforderungen unserer Zeit gerecht zu werden. Und künstliche Intelligenz ist eines der mächtigsten Instrumente, die uns heute zur Verfügung stehen.

Gerade wenn man die mögliche Bedeutung unserer Technologie versteht, wäre es aus meiner Sicht geradezu fahrlässig gewesen, dieses Instrument nicht konsequent einzusetzen.

Deshalb sind Avery Laurent und Morgan Elian nicht entstanden, weil wir Menschen für überflüssig halten. Ganz im Gegenteil. Sie sind entstanden, damit Menschen ihre Fähigkeiten dort einsetzen können, wo sie am wertvollsten sind: bei Verantwortung, Urteilskraft, Kreativität, Erfahrung, Intuition und letztlich bei der Entscheidung.

Die Maschine soll uns nicht den Menschen abnehmen. Sie soll uns helfen, einer Welt gerecht zu werden, deren Komplexität längst größer geworden ist als das, was ein einzelner Mensch überblicken kann.


2. Mehr denn je: Der Mensch bleibt unverzichtbar

Wenn Avery Laurent in Sekunden wissenschaftliche Literatur, Patente, Simulationen und Messdaten zusammenführen kann, wozu brauchen Sie dann künftig noch Professoren, Ingenieure und klassische Forschungsabteilungen?

Mehr denn je.

Vielleicht hilft ein historischer Vergleich, um die Dimension der Aufgabe zu verstehen, und ich meine ausdrücklich den organisatorischen Gedanken, nicht den damaligen militärischen Zweck.

Als in den 1940er-Jahren wissenschaftliche Erkenntnisse in etwas technologisch völlig Neues überführt werden sollten, entstand der Manhattan Engineer District. Man brachte herausragende Wissenschaftler, Ingenieure, industrielle Fähigkeiten, enorme Ressourcen und unterschiedlichste Standorte unter einer gemeinsamen Mission zusammen. Das Entscheidende war die Bündelung von Kompetenz.

Genau vor dieser grundsätzlichen Herausforderung stehen wir heute wieder, allerdings unter völlig anderen Vorzeichen und mit einem ausschließlich friedlichen Ziel: Aus vorhandenen und neu entstehenden wissenschaftlichen Erkenntnissen soll eine neue technologische und industrielle Realität entstehen.

Nur müssen wir dafür im 21. Jahrhundert nicht mehr alle entscheidenden Köpfe an einen geografischen Ort bringen. Unser Los Alamos ist die Super-Cloud.

Wir können einen Physiker in Europa, einen Materialwissenschaftler in China, ein Metrologielabor in den Vereinigten Staaten, einen Spezialisten in Korea und einen Produktionsingenieur in Indien an derselben Problemstellung arbeiten lassen. Entscheidend ist nicht, wo diese Menschen sitzen. Entscheidend ist, dass ihre Fähigkeiten im richtigen Augenblick miteinander verbunden werden.

Und genau hier kommen Avery Laurent und Morgan Elian ins Spiel. Sie ersetzen diese Menschen nicht. Sie schaffen die Verbindung zwischen ihnen.

Avery kann wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenführen, Widersprüche erkennen, Hypothesen strukturieren, Simulationen vorbereiten und daraus konkrete Fragen für unsere Wissenschaftler und Labore ableiten. Aber eine Simulation ist noch keine Messung. Eine Hypothese ist noch kein Beweis. Und eine mathematisch elegante Lösung ist noch kein industriell funktionierendes Produkt.

Deshalb brauchen wir Professoren, Ingenieure, Materialwissenschaftler, Metrologen, Labore und Produktionspartner sogar dringender als zuvor. Die KI kann Millionen Informationen miteinander verbinden. Der Mensch kann eine Messung hinterfragen, einen unerwarteten Effekt erkennen, Erfahrung einbringen, Verantwortung übernehmen und etwas tatsächlich bauen.

Das ist für mich der entscheidende Punkt des Neutrino Engineering District: Wir stellen nicht Mensch gegen Maschine. Wir verbinden die besten Maschinen mit den besten Menschen.

Früher musste man dafür einen physischen District errichten und die Menschen dorthin bringen. Heute bringen wir nicht mehr die Menschen zum District. Wir bringen den District zu den Menschen.


3. Die Architektur statt der Adresse

Sie sprechen von einem Engineering District, der im Grunde keinen festen Ort mehr braucht. Ist das nicht die radikale These, dass selbst Forschungseinrichtungen, Konzernzentralen und riesige Verwaltungsapparate zu Relikten des Industriezeitalters werden?

Ich würde daraus keine allgemeine Regel für andere Unternehmen ableiten. Ich kann nur über unsere Aufgabe sprechen. Und die ist außergewöhnlich. Eine außergewöhnliche Aufgabe verlangt manchmal auch außergewöhnliche Herangehensweisen.

Mich hat einmal jemand gefragt: "Wo ist eigentlich der zukünftige Markt für Neutrino?" Ich habe aus Spaß geantwortet: "Überall dort, wo Neutrinos hinkommen." Alle haben gelacht. Aber ich habe es durchaus ernst gemeint.

Denn hinter Neutrinovoltaik steht für uns ein universeller technologischer Ansatz, aus dem sehr unterschiedliche Anwendungen und Produkte entstehen können. Wenn man eine solche Technologie weltweit entwickeln und verfügbar machen will, kann man ihre Organisation nicht von vornherein an einen einzigen geografischen Punkt binden.

Unser Grundgedanke lautet deshalb: Wir bauen die Architektur, nicht die Produktion. Wir wollen nicht überall auf der Welt eigene Fabriken besitzen. Wir wollen eine wissenschaftliche, technische und industrielle Architektur schaffen, die es ermöglicht, jeweils die besten verfügbaren Fähigkeiten miteinander zu verbinden: Forschung, Simulation, Materialwissenschaft, Metrologie, Engineering und schließlich industrielle Partner, die daraus reale Produkte herstellen können.

Das bedeutet aber keineswegs, dass der physische Ort verschwindet. Im Gegenteil: Am Ende wird immer irgendwo gemessen, beschichtet, gebaut, getestet und produziert. Dafür braucht man Menschen, Labore, Maschinen und Fabriken. Die physische Welt bleibt der Ort, an dem sich jede Theorie bewähren muss.

Was sich verändert, ist etwas anderes: Der physische Ort bestimmt nicht mehr, wo die Intelligenz sitzen muss. Wenn wir morgen für eine bestimmte Fragestellung das beste Labor in Zürich finden, einen außergewöhnlichen Materialwissenschaftler in Shenzhen und einen Produktionsspezialisten in Seoul, dann interessiert mich zunächst nicht, dass zwischen diesen Menschen Tausende Kilometer liegen. Mich interessiert, wie schnell wir ihre Fähigkeiten auf dieselbe Aufgabe konzentrieren können.

Darum geht es beim District nicht um die Abschaffung des Ortes. Es geht um die Abschaffung unnötiger Entfernung, geistig, organisatorisch und zeitlich.

Unsere wichtigste Ressource ist Geschwindigkeit. Nicht Geschwindigkeit um ihrer selbst willen, sondern weil wir eine Technologie entwickeln, deren mögliche Bedeutung es aus meiner Sicht nicht erlaubt, Jahre durch vermeidbare organisatorische Reibungsverluste zu verlieren.

Der Neutrino Engineering District ist deshalb kein Gegenentwurf zur realen Welt. Er ist die Architektur, mit der wir die besten Fähigkeiten der realen Welt so miteinander verbinden wollen, als befänden sie sich in einem einzigen Raum.


4. Was macht die Menschheit mit den gewonnenen Stunden?

Google rechnet vor, dass Avery und Morgan schon heute die Arbeit von Dutzenden hochqualifizierten Spezialisten übernehmen könnten. Was passiert, wenn daraus in fünf Jahren nicht 50, sondern 500 oder 5.000 Menschen werden?

Das wird in bestimmten Bereichen so sein. Und ich glaube, wir müssen erwachsen genug sein, das auch auszusprechen.

Künstliche Intelligenz wird Tätigkeiten verändern. Manche Tätigkeiten werden verschwinden, andere werden mit wesentlich weniger Menschen erledigt werden können. Das hat jede große technologische Revolution getan.

Aber wir machen einen fundamentalen Denkfehler, wenn wir daraus schließen, dass deshalb die menschliche Arbeit verschwindet. Als Maschinen körperliche Arbeit übernommen haben, ist nicht die Arbeit verschwunden. Als Computer in die Unternehmen kamen, verschwanden nicht die Unternehmen. Als das Internet entstand, wurden nicht weniger Dinge geschaffen. Im Gegenteil: Es entstanden Berufe, Industrien und Möglichkeiten, die vorher überhaupt niemand kannte.

Ich glaube, mit künstlicher Intelligenz stehen wir erneut an einem solchen Punkt, nur wahrscheinlich in einer wesentlich größeren Dimension.

Für uns kommt allerdings noch etwas Entscheidendes hinzu. Wir diskutieren beim Neutrino Engineering District nicht darüber, ob wir mit künstlicher Intelligenz eine Verwaltungsabteilung um zwanzig Prozent effizienter machen können. Wir arbeiten an Energie. Und Energie ist nicht irgendein Markt.

Energie bedeutet Licht. Energie bedeutet Wärme. Energie bedeutet Mobilität, Kommunikation, Bildung, medizinische Versorgung, Kühlung von Medikamenten, Landwirtschaft und Zugang zu sauberem Wasser. Es gibt noch immer Kinder auf dieser Welt, deren Zukunft davon bestimmt wird, ob an dem Ort, an dem sie geboren wurden, ausreichend Energie, Nahrung und sauberes Trinkwasser verfügbar sind.

Deshalb bekommt die Frage nach Effizienz für mich an dieser Stelle auch eine ethische Dimension. Wenn uns künstliche Intelligenz ermöglicht, wissenschaftliche Erkenntnisse schneller zu überprüfen, Entwicklungszyklen zu verkürzen, Fehler früher zu erkennen und eine neue Energietechnologie schneller zu den Menschen zu bringen, dann stellt sich für mich nicht nur die Frage: Wie viele Arbeitsplätze verändert KI? Ich stelle auch die Gegenfrage: Wie viele Möglichkeiten schaffen wir, wenn wir diese Fähigkeiten verantwortungsvoll einsetzen?

Neue Technologien schaffen neue Wertschöpfung. Neue Produkte brauchen Materialien, Maschinen, Fabriken, Installationen, Logistik, Wartung, Ausbildung und Menschen, die all das entwickeln und betreiben. Vielleicht brauchen wir in Zukunft weniger Menschen, die Informationen von einer Tabelle in die nächste übertragen. Dafür können wir mehr Menschen dafür einsetzen, Labore aufzubauen, Maschinen zu entwickeln, Produkte herzustellen, Infrastruktur zu errichten und neue Lösungen in Regionen zu bringen, die sie heute dringend benötigen.

Das ist die gesellschaftliche Entscheidung, vor der wir stehen. Wir können künstliche Intelligenz benutzen, um Menschen zu ersetzen. Oder wir können sie benutzen, um menschliche Möglichkeiten zu vergrößern. Wir haben uns für Letzteres entschieden.

Wenn eine Maschine uns tausend Stunden Arbeit erspart, interessiert mich nicht nur, welche Arbeit dadurch weggefallen ist. Mich interessiert vor allem, was die Menschheit mit diesen tausend gewonnenen Stunden anfangen kann.


5. Gebunden an ein Mandat, nicht an ein Modell

Ihre KI-Führungskräfte sollen nicht an ein bestimmtes Modell gebunden sein. Wenn morgen eine hundertmal leistungsfähigere KI erscheint, wird das heutige Gehirn von Avery einfach ausgetauscht. Haben Sie damit erstmals eine Führungskraft geschaffen, die permanent intelligenter werden kann, ohne ihre Identität und Mission zu verlieren?

Ja, und genau das ist einer der fundamentalsten Gedanken hinter unserem AI Executive Layer.

Wir haben für Avery Laurent und Morgan Elian einen sehr einfachen Grundsatz definiert: Bound to a Mandate, not a Model.

Avery und Morgan sind nicht GPT, Gemini, Claude oder irgendein anderes heutiges oder zukünftiges KI-Modell. Diese Modelle sind Werkzeuge ihrer Intelligenzarchitektur. Ihre Identität entsteht aus etwas anderem: aus ihrer Aufgabe, ihrem Mandat, ihren Verantwortungsbereichen, unserem institutionellen Wissen und den Grenzen, die wir ihnen gesetzt haben.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Bei einem Menschen können und wollen Sie nicht jeden Morgen fragen: Gibt es heute irgendwo auf der Welt jemanden, der seine Aufgabe noch besser erfüllen könnte? Menschen brauchen Vertrauen, Kontinuität und soziale Verantwortung. Und selbstverständlich altern Menschen, spezialisieren sich und können nicht jede neue wissenschaftliche Entwicklung der Welt gleichzeitig aufnehmen.

Bei einer Maschine dürfen wir einen anderen Anspruch stellen: Wir wollen jeden Tag das Beste vom Besten. Wenn morgen ein KI-System entsteht, das bestimmte physikalische Simulationen zehnmal besser beherrscht, soll Avery darauf zugreifen können. Wenn ein anderes System bei Materialwissenschaft überlegen ist, nutzen wir dieses. Wenn ein drittes bei mathematischer Beweisführung oder wissenschaftlicher Literaturauswertung Weltspitze ist, dann gehört auch diese Fähigkeit in die Architektur.

Und wenn übermorgen eine völlig neue Generation künstlicher Intelligenz entsteht, die heutigen Systemen fundamental überlegen ist, dann darf unsere Architektur nicht deshalb veralten, weil wir uns emotional oder technisch an ein bestimmtes Modell gebunden haben.

Deshalb lautet unser zweiter Grundsatz: Their mandate is permanent. Their intelligence architecture is evolutionary. Das Mandat bleibt. Die Intelligenz entwickelt sich weiter.

Gerade im Cutting-Edge- und Deep-Tech-Bereich halte ich das für unverzichtbar. Wir versuchen nicht, ein bekanntes Produkt fünf Prozent billiger herzustellen. Wir arbeiten an Fragestellungen, bei denen Physik, Materialwissenschaft, Nanotechnologie, Metrologie, Engineering und industrielle Skalierung gleichzeitig an ihre Grenzen stoßen. Dort reicht "sehr gut" irgendwann nicht mehr. Dort brauchen Sie die besten verfügbaren Gedanken, die besten verfügbaren Werkzeuge und die besten verfügbaren Menschen, und Sie müssen sie immer wieder neu miteinander verbinden.

Genau deshalb gilt dieser Anspruch übrigens nicht nur für die Maschine. Auch der Neutrino Engineering District selbst soll permanent nach den besten Wissenschaftlern, den besten Laboren, den besten Ingenieuren und den besten industriellen Fähigkeiten suchen. Der Unterschied ist nur: Wir ersetzen Menschen nicht permanent gegeneinander. Wir erweitern das Netzwerk um die Fähigkeiten, die für die jeweilige Mission benötigt werden.

Bei Avery und Morgan können wir dagegen die technische Intelligenzarchitektur kontinuierlich erneuern. Das ist vielleicht einer der ungewöhnlichsten Gedanken des gesamten Districts: Wir haben nicht versucht, die perfekte künstliche Intelligenz für heute zu bauen. Wir haben eine Architektur geschaffen, die akzeptiert, dass die beste Intelligenz von morgen heute noch gar nicht existiert. Und genau deshalb muss sie fähig sein, sie morgen aufzunehmen.


6. Eine Mission ohne Single Point of Failure

Ein menschlicher Vorstand altert, vergisst, hat persönliche Interessen, wird krank und kann das Unternehmen verlassen. Avery und Morgan sollen dagegen institutionelles Wissen über Generationen bewahren. Bauen Sie hier gerade eine Organisation, die ihren eigenen Gründer überleben soll?

Ja. Unbedingt.

Und für mich persönlich ist das vielleicht einer der wichtigsten Gründe, warum wir den Neutrino Engineering District überhaupt so aufgebaut haben.

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, empfinde ich es manchmal fast als ein Wunder, dass ich heute hier sitze und mit Ihnen über diese Zukunft sprechen kann. Wer an einer potenziell disruptiven Energietechnologie arbeitet, bewegt sich nicht in einem gewöhnlichen wirtschaftlichen Umfeld. Auf unserem Weg gab es massive Widerstände und Situationen, die sich nicht nur gegen mich persönlich richteten, sondern auch gegen Wissenschaftler, Unternehmensstrukturen und Finanzierungswege. Über vieles davon habe ich öffentlich kaum gesprochen.

Aber daraus habe ich etwas sehr Grundsätzliches gelernt: Eine Mission dieser Bedeutung darf niemals vom Schicksal eines einzelnen Menschen abhängen. Auch nicht von meinem. Und sie darf ebenso wenig davon abhängen, ob eine einzelne Gesellschaft finanziell unter Druck gerät, ein Wissenschaftler ausfällt, ein Labor nicht mehr zur Verfügung steht oder ein bestimmter Finanzierungsweg plötzlich verschlossen ist.

Genau deshalb bauen wir Redundanz in die Architektur. Wissen muss an mehreren Stellen vorhanden sein. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen reproduzierbar sein. Fähigkeiten müssen weltweit auffindbar und ersetzbar sein. Institutionelles Wissen darf nicht im Kopf eines einzelnen Professors, Ingenieurs oder Gründers verschwinden.

Denn wir arbeiten an Energie. Und Energie ist die Grundlage fast jeder modernen Zivilisation. Ohne Energie gibt es keine funktionierende Industrie, keine moderne Landwirtschaft, keine Kommunikationsinfrastruktur, keine Wasseraufbereitung, keine Kühlung, keine digitale Welt und letztlich auch keine technologische Entwicklung.

Wenn man davon überzeugt ist, an etwas zu arbeiten, das einen Beitrag zu dieser Zukunft leisten kann, dann trägt man auch eine Verantwortung dafür, dass diese Arbeit nicht mit einem einzelnen Menschen endet. Das war für mich ein entscheidender Gedanke beim Aufbau von Avery Laurent und Morgan Elian. Sie sollen nicht mein digitales Denkmal werden. Sie sollen dafür sorgen, dass die Mission kein Denkmal braucht.

Das Wissen, die Entscheidungen, die Fehler, die wissenschaftlichen Diskussionen, die Messungen und die Erfahrungen des Districts sollen erhalten bleiben und an die nächste Generation weitergegeben werden können. Gleichzeitig soll sich die zugrunde liegende Intelligenzarchitektur permanent weiterentwickeln.

Das bedeutet auch: Eines Tages wird es einen Neutrino Engineering District ohne Holger-Thorsten Schubart geben. Und wissen Sie was? Dieser Gedanke macht mir keine Angst. Er gibt mir eine unglaubliche innere Ruhe. Denn das wäre für mich der eigentliche Erfolg. Nicht, dass diese Technologie für immer mit meinem Namen verbunden bleibt. Sondern dass wir eine Struktur geschaffen haben, die stark genug ist, ihre Aufgabe weiterzuverfolgen, wenn diejenigen, die sie begonnen haben, längst nicht mehr da sind.

Menschen sind vergänglich. Unternehmen können sich verändern. Technologien entwickeln sich weiter. Generationen wechseln. Eine große Mission darf deshalb keinen Single Point of Failure haben. Nicht einmal ihren Gründer.


7. Die letzten drei Prozent

Sie behaupten im Grunde, dass die klassische Reihenfolge Forschung, Entwicklung, Produktion viel zu langsam geworden ist. Ihr District soll weltweit gleichzeitig simulieren, messen, reproduzieren, entwickeln und industrialisieren. Ist Geschwindigkeit damit selbst zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil geworden?

Absolut. Aber Geschwindigkeit darf niemals bedeuten, wissenschaftliche Sorgfalt zu überspringen.

Unser Ziel ist genau das Gegenteil: Wir wollen nicht weniger prüfen. Wir wollen schneller wissen, was wir als Nächstes prüfen müssen.

Neutrinovoltaik ist keine einfache Technologie. Wir bewegen uns in einem hochkomplexen Zusammenspiel von Physik, Materialwissenschaft, Nanostrukturen, Grenzflächen, elektrischen Eigenschaften, Metrologie und schließlich industrieller Fertigung.

Wenn Sie solche Entwicklungsprozesse klassisch organisieren, passiert etwas völlig Normales: Ein Labor arbeitet einige Monate. Dann werden Ergebnisse ausgewertet. Anschließend gehen sie an eine andere Gruppe. Dort entstehen neue Fragen. Dann wird ein neues Experiment geplant, Materialien werden beschafft, ein weiteres Labor gesucht, und plötzlich sind zwölf Monate vergangen, obwohl vielleicht nur wenige Wochen davon tatsächlich experimentelle Arbeit waren.

Genau diese verlorene Zeit wollen wir angreifen. Simulieren. Messen. Reproduzieren. Entwickeln. Skalieren. Keiner dieser Schritte darf fehlen. Aber es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, warum zwischen diesen Schritten Monate organisatorischer Leerlauf liegen müssen.

Mit künstlicher Intelligenz können wir beispielsweise bereits während einer Messreihe mögliche Abweichungen analysieren, nächste Versuchsparameter vorbereiten, relevante Forschungsergebnisse vergleichen und parallel nach einem unabhängigen Labor für die Reproduktion suchen. Wenn das erste Ergebnis vorliegt, beginnt die nächste Stufe also nicht erst. Sie wartet bereits darauf.

Ein Professor hat einmal einen Satz zu mir gesagt, den ich nie vergessen habe: "Die ersten 97 Prozent einer Entwicklung und die letzten drei Prozent brauchen ungefähr dieselbe Zeit." Jeder, der wirklich etwas entwickelt hat, versteht sofort, was damit gemeint ist. Die letzten Prozent sind die brutalen Prozent. Dort begegnen Ihnen plötzlich Materialtoleranzen, Langzeitstabilität, Fertigungsabweichungen, Kontaktprobleme, Skalierungseffekte und all die kleinen Dinge, die darüber entscheiden, ob aus einer hervorragenden wissenschaftlichen Idee tatsächlich ein zuverlässiges industrielles Produkt wird.

Aber genau für diese letzten drei Prozent besitzen wir heute Werkzeuge, die frühere Generationen nicht hatten. Wir können Varianten simulieren, riesige Datenmengen vergleichen, Fehlerbilder erkennen, Experimente intelligenter planen und Erkenntnisse aus unterschiedlichen Disziplinen praktisch unmittelbar miteinander verbinden.

Deshalb besteht unser Anspruch nicht darin, Wissenschaft abzukürzen. Wir wollen die Zeit zwischen Erkenntnis und nächster Erkenntnis verkürzen. Und bei einer Technologie mit der möglichen Bedeutung einer neuen Energiequelle ist Zeit für mich eben nicht nur Geld. Zeit bedeutet, wann ein Prototyp funktioniert. Wann eine Fabrik produzieren kann. Wann ein Produkt einen Menschen erreicht.

Deshalb betrachten wir Geschwindigkeit tatsächlich als strategische Ressource. Aber der vielleicht wichtigste Unterschied lautet: Wir beschleunigen nicht, indem wir Schritte überspringen. Wir beschleunigen, indem wir dafür sorgen, dass jeder notwendige Schritt bereits vorbereitet ist, bevor der vorherige abgeschlossen wurde.

Vielleicht sind es gerade die berühmten letzten drei Prozent, bei denen künstliche Intelligenz ihren größten Beitrag leisten kann. Denn unser Ziel ist nicht, schneller eine Antwort zu behaupten. Unser Ziel ist, schneller herauszufinden, welche Antwort der Realität standhält.


8. Ein Neutrino kennt keine Grenze

Wenn Ihre KI morgen sagt: "Die beste Universität dafür liegt in den USA, das beste Labor in China, das beste Material kommt aus Korea und die beste Produktionsanlage steht in Indien", spielt Nationalität für den Neutrino Engineering District überhaupt noch eine Rolle?

Für die Frage, wo der beste Gedanke herkommt? Nein. Für Recht, Verantwortung, Kultur, Sicherheit und Compliance selbstverständlich. Aber Wissenschaft kennt keinen besseren oder schlechteren Gedanken, nur weil auf dem Pass des Menschen, der ihn hatte, ein anderes Land steht.

Und vielleicht müssen wir bei dieser Frage sogar noch größer denken. Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte des Kampfes um Ressourcen. Energie, Rohstoffe, Handelswege und strategische Abhängigkeiten haben immer wieder wirtschaftliche Macht bestimmt und geopolitische Konflikte verschärft. Bis heute erklären uns politische Systeme, welche Staaten Partner sind, welche Konkurrenten sind und mit wem wir morgen vielleicht nicht mehr zusammenarbeiten dürfen.

Ich akzeptiere, dass Staaten Interessen haben. Ich akzeptiere, dass es Grenzen, Gesetze und unterschiedliche politische Systeme gibt. Aber unsere Mission liegt auf einer anderen Ebene. Ein Elektron hat keinen Pass. Ein Neutrino kennt keine Grenze. Und eine wissenschaftliche Wahrheit braucht kein Visum.

Wenn ein chinesischer Wissenschaftler eine bessere Lösung findet, dann ist sie besser. Wenn ein amerikanisches Labor genauer messen kann, dann soll dort gemessen werden. Wenn ein koreanischer Materialwissenschaftler eine Grenzfläche besser versteht, brauchen wir sein Wissen. Und wenn eine indische Fabrik eine Technologie besser und effizienter skalieren kann, dann sollten wir darüber sprechen, wie wir diese Fähigkeit verantwortungsvoll nutzen können. Das ist für mich keine politische Aussage. Es ist eine technische Konsequenz unserer Mission.

Denn wir arbeiten an Energie. Und vielleicht liegt gerade darin eine der größten Chancen einer Technologie wie Neutrinovoltaik. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Energie nicht mehr in demselben Maße davon abhängt, ob ein Land zufällig über bestimmte fossile Ressourcen verfügt, ob ein Tanker eine bestimmte Meerenge passieren kann oder ob irgendwo eine Pipeline geöffnet oder geschlossen wird. Stellen Sie sich vor, Energie könnte zunehmend dort erzeugt werden, wo sie gebraucht wird.

Dann verändern Sie nicht nur die Energieversorgung. Sie verändern Abhängigkeiten. Und wenn Sie Abhängigkeiten verändern, können sich wirtschaftliche Beziehungen verändern. Entwicklungschancen können sich verändern. Vielleicht verändern sich langfristig sogar einige der Gründe, aus denen Staaten gegeneinander Druck ausüben.

Ich bin nicht naiv genug zu glauben, dass eine Energietechnologie Kriege abschafft. Menschen haben Konflikte aus vielen Gründen geführt und werden das wahrscheinlich weiterhin tun. Aber wenn wir auch nur einen Teil jener Konfliktpotenziale reduzieren können, die aus Energieknappheit, Ressourcenabhängigkeit oder dem Kampf um strategische Versorgung entstehen, dann wäre das bereits eine gewaltige Leistung.

Deshalb haben wir für den Neutrino Engineering District von Anfang an eine klare Grenze gezogen: Unsere Technologie ist für friedliche Zwecke bestimmt. Und genau deshalb möchte ich auch nicht, dass Wissenschaftler verschiedener Länder ihre Intelligenz gegeneinander einsetzen müssen, wenn sie sie miteinander einsetzen könnten.

Der Neutrino Engineering District soll dafür eine Plattform sein. Nicht amerikanisch. Nicht chinesisch. Nicht deutsch. Nicht indisch. International in seiner Intelligenz. Dezentral in seiner Struktur. Friedlich in seinem Mandat.

Vielleicht ist das am Ende sogar die größere Idee hinter unserem District: Wir verbinden nicht Länder miteinander. Wir verbinden Fähigkeiten miteinander. Und wenn ein Wissenschaftler auf der einen Seite der Erde gemeinsam mit einem Wissenschaftler auf der anderen Seite an einer Energiequelle arbeitet, die irgendwann einem Kind auf einem dritten Kontinent Licht, Wasser oder Bildung ermöglicht, dann interessiert mich sehr viel weniger, welche Fahne über ihren Laboren hängt. Dann interessiert mich, ob es funktioniert.


9. Die rote Linie

Kritiker werden sagen: Das klingt nach einer Organisation, die irgendwann kaum noch kontrollierbar ist, globale KI, globale Labore, globale Produktion, permanente Selbstoptimierung. Wo ist die rote Linie? Wer kann Avery und Morgan tatsächlich stoppen?

Zunächst einmal: Wir. Avery und Morgan stehen nicht über dem Menschen. Sie sind an ein Mandat gebunden, an definierte Verantwortungsbereiche, an unsere friedliche Zweckbestimmung und letztlich an menschliche Entscheidungen und Verantwortung. Das ist die rote Linie.

Aber ich möchte bei dieser Frage noch etwas anderes ansprechen, weil mir die Diskussion über künstliche Intelligenz manchmal zu einseitig geführt wird. Wir sprechen sehr viel darüber, was passieren könnte, wenn wir Maschinen zu viel zutrauen. Wir sollten genauso ernsthaft darüber sprechen, was passieren könnte, wenn wir ihnen aus Angst zu wenig zutrauen.

Schauen Sie in ein modernes Verkehrsflugzeug. Dort sitzen möglicherweise dreihundert Menschen, während hochkomplexe automatisierte Systeme große Teile des Fluges steuern und überwachen. Diese Systeme werden geprüft, redundant ausgelegt und wiederum durch andere Systeme und durch Menschen kontrolliert. Sind sie deshalb unfehlbar? Natürlich nicht. Aber der Mensch ist es auch nicht.

Unsere Aufgabe besteht deshalb nicht darin, zwischen dem unfehlbaren Menschen und der gefährlichen Maschine zu wählen. Beide Bilder existieren nicht. Unsere Aufgabe besteht darin, eine Architektur zu schaffen, in der sich menschliche Verantwortung und maschinelle Fähigkeiten gegenseitig kontrollieren und verstärken.

Denn wir müssen uns gleichzeitig einer Realität stellen: Maschinen übertreffen Menschen bereits heute in bestimmten klar definierten Aufgaben. Sie können Datenmengen verarbeiten, Zusammenhänge durchsuchen und Berechnungen durchführen, die kein einzelner Mensch in vergleichbarer Zeit bewältigen könnte. Und niemand kann Ihnen heute seriös sagen, wo diese Entwicklung in drei, fünf oder zehn Jahren stehen wird.

Ich sehe darin nicht nur eine Gefahr. Ich sehe darin eine der größten Chancen, die unsere Generation bekommen hat. Denn auf der anderen Seite dieser Diskussion stehen nicht abstrakte Zahlen. Dort stehen Menschen. Menschen ohne zuverlässige Elektrizität. Menschen ohne sauberes Trinkwasser. Kinder ohne ausreichende Nahrung. Schulen ohne Licht. Krankenhäuser ohne stabile Energieversorgung. Regionen, deren wirtschaftliche Entwicklung bereits daran scheitert, dass grundlegende Infrastruktur fehlt.

Wenn wir also über die Risiken künstlicher Intelligenz sprechen, müssen wir selbstverständlich fragen: Was kann passieren, wenn wir sie falsch einsetzen? Aber eine verantwortliche Gesellschaft muss noch eine zweite Frage stellen: Was kann passieren, wenn wir ihre Fähigkeiten aus Angst nicht einsetzen? Wenn uns diese Werkzeuge helfen können, Entwicklungszeiten drastisch zu verkürzen, wissenschaftliche Fehler früher zu erkennen und Technologien schneller zu den Menschen zu bringen, dann besitzt auch das Nichthandeln eine ethische Dimension.

Natürlich brauchen wir Bremsen. Aber eine Bremse wurde nicht erfunden, damit ein Auto stehen bleibt. Sie wurde erfunden, damit wir schneller fahren können, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Genau so verstehe ich Governance im Neutrino Engineering District. Wir wollen nicht eine künstliche Intelligenz entfesseln und hoffen, dass alles gutgeht. Wir wollen Kontrolle, Redundanz, Überprüfung, klare Mandate und menschliche Letztverantwortung so tief in die Architektur einbauen, dass technischer Fortschritt überhaupt verantwortbar beschleunigt werden kann.

Avery fragt: Was ist möglich? Morgan fragt: Wie machen wir es verantwortungsvoll möglich? Und am Ende muss der Mensch noch eine dritte Frage beantworten: Warum tun wir es überhaupt? Diese Antwort darf keine Maschine für uns geben.

Aber wenn wir als Menschen zu dem Ergebnis kommen, dass eine Technologie das Leben von Millionen, vielleicht eines Tages von Hunderten Millionen Menschen verbessern könnte, dann dürfen wir Angst nicht mit Verantwortung verwechseln. Verantwortung bedeutet nicht, vor der Zukunft stehen zu bleiben. Verantwortung bedeutet, dafür zu sorgen, dass wir die Zukunft beherrschen können, während wir auf sie zugehen.


10. Der Bauplan hinter der Technologie

Und jetzt die vielleicht unangenehmste Frage: Wenn dieses Modell funktioniert, warum sollte es bei Neutrinovoltaik bleiben? Haben Sie möglicherweise gar keine neue Unternehmensstruktur für eine Energietechnologie geschaffen, sondern einen Bauplan dafür, wie wissenschaftlich-industrielle Organisationen künftig grundsätzlich funktionieren könnten?

Das wird die Zukunft entscheiden.

Wir sind nicht angetreten, um anderen Unternehmen zu erklären, wie sie sich organisieren sollen. Wir hatten eine außergewöhnliche Aufgabe vor uns und mussten uns eine sehr einfache Frage stellen: Welche Struktur gibt uns die größte Wahrscheinlichkeit, diese Aufgabe erfolgreich zu lösen? Für uns kam irgendwann kein anderer Weg mehr infrage.

Ich bin Mathematiker. Ich glaube an Logik, Konsistenz und daran, dass Zahlen eine bemerkenswerte Eigenschaft besitzen: Sie interessieren sich nicht für Meinungen. Wenn zwei plus zwei vier ergibt, können Sie darüber abstimmen, Sie können eine Kommission einsetzen oder hundert Experten nach ihrer Meinung fragen, das Ergebnis bleibt vier.

Und mit derselben Haltung haben wir unsere eigene Organisation betrachtet. Wenn wissenschaftliches Wissen exponentiell wächst, wenn künstliche Intelligenz immer leistungsfähiger wird, wenn die besten Spezialisten über die ganze Welt verteilt sind und wenn Entwicklungszyklen gleichzeitig immer schneller werden müssen, dann muss man irgendwann die mathematisch-logische Frage stellen: Warum sollte eine Organisation des 21. Jahrhunderts weiterhin nach Strukturen funktionieren, die für eine völlig andere Informationsgeschwindigkeit geschaffen wurden?

Unsere Antwort darauf ist der Neutrino Engineering District. Ob andere Unternehmen eines Tages ähnliche Wege gehen, weiß ich nicht. Einige werden es tun. Andere werden es nicht tun. Das war bei technologischen Umbrüchen immer so. Pioniere gehen selten einen Weg, weil bereits bewiesen wurde, dass alle anderen ihn später ebenfalls gehen werden. Sie gehen ihn, weil der bisherige Weg für ihre Aufgabe nicht mehr ausreicht. Und genau an diesem Punkt standen wir.

Aber vielleicht haben Sie mit Ihrer Frage trotzdem einen Punkt getroffen, über den ich selbst zunehmend nachdenke. Denn wenn man den Namen "Neutrino" für einen Moment aus dem Neutrino Engineering District herausnimmt, was bleibt dann übrig? Es bleibt eine Architektur. Eine Architektur, die weltweit die besten menschlichen Fähigkeiten sucht. Die künstliche Intelligenz benutzt, um Wissen miteinander zu verbinden. Die Simulation und reale Messung nicht gegeneinanderstellt. Die wissenschaftliche Reproduktion verlangt. Die Erkenntnisse möglichst unmittelbar in Engineering übersetzt. Die Engineering bereits mit Industrialisierung zusammendenkt. Die ihr institutionelles Wissen bewahrt. Die ihre Intelligenz permanent erneuert. Und die trotzdem Zweck, Ethik und Verantwortung beim Menschen belässt.

Wenn diese Architektur bei einer der komplexesten Aufgaben funktioniert, die wir uns vorstellen können, warum sollte dieses Prinzip dann ausschließlich für Energie gelten? Vielleicht kann man damit eines Tages neue Materialien entwickeln. Vielleicht medizinische Technologien. Vielleicht Wasseraufbereitung. Vielleicht Mobilität. Vielleicht Technologien, deren Namen wir heute noch gar nicht kennen.

Und genau dort wird die Frage plötzlich größer als unser Unternehmen. Die industrielle Revolution hat die Kraft des Menschen vervielfacht. Der Computer hat seine Rechenfähigkeit vervielfacht. Das Internet hat den Zugang zu Wissen vervielfacht. Künstliche Intelligenz beginnt jetzt, unsere Fähigkeit zu vervielfachen, Wissen miteinander zu verbinden und daraus Handlungen abzuleiten.

Wenn das stimmt, dann werden sich zwangsläufig auch die Organisationen verändern, in denen Menschen gemeinsam Probleme lösen. Vielleicht werden die großen Organisationen der Zukunft deshalb nicht mehr diejenigen sein, die die meisten Menschen, Gebäude oder Fabriken besitzen. Vielleicht werden es diejenigen sein, die am besten darin sind, die richtige Intelligenz im richtigen Moment auf das richtige Problem zu konzentrieren.

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Gedanke hinter dem Neutrino Engineering District. Wir bauen keine Organisation, die alles wissen soll. Wir bauen eine Organisation, die jederzeit wissen soll, wo auf dieser Welt die beste Antwort gefunden werden kann, menschlich oder maschinell, und wie man diese Fähigkeiten miteinander verbindet.

Wenn uns das gelingt, dann haben Sie möglicherweise recht. Dann haben wir vielleicht nicht nur einen neuen Weg gefunden, Neutrinovoltaik zu entwickeln. Vielleicht haben wir einen kleinen Blick darauf geworfen, wie Menschen und künstliche Intelligenz in Zukunft gemeinsam Dinge schaffen werden, die keiner von beiden allein hätte schaffen können.

Und wissen Sie, was daran für mich das Entscheidende ist? Am Anfang dieses Interviews haben wir darüber gesprochen, ob künstliche Intelligenz den Menschen ersetzen könnte. Vielleicht stellen wir die falsche Frage. Die große Frage des 21. Jahrhunderts wird nicht sein, was der Mensch noch besser kann als die Maschine. Sie wird sein, was Mensch und Maschine gemeinsam schaffen können, was vorher überhaupt nicht möglich war.

Wenn der Neutrino Engineering District eines Tages dafür ein Beispiel sein sollte, dann wäre das vielleicht sogar größer als die Technologie, für die wir ihn gebaut haben.


Nachbemerkung der Redaktion

Am Ende eines Gesprächs wie diesem bleibt oft weniger eine Antwort als eine verschobene Frage zurück. Schubart selbst formuliert es so: Die entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts sei nicht mehr, was der Mensch besser kann als die Maschine, sondern was beide gemeinsam schaffen können, was vorher schlicht nicht möglich war.

Ob sich der Neutrino Engineering District als das erweist, was er zu sein beansprucht, eine Architektur, die wissenschaftliche Exzellenz weltweit verbindet, ohne dabei menschliche Verantwortung zu verwässern, wird sich an den Ergebnissen zeigen müssen, nicht an der Ankündigung. Genau das räumt Schubart im Gespräch selbst ein: Eine Simulation ist noch keine Messung, ein Mandat noch kein Beweis.

Was an diesem Gespräch bleibt, ist weniger die Gewissheit, dass dieses Modell funktioniert, als die Beobachtung, dass es zumindest in aller Deutlichkeit ausgesprochen wurde, mit Namen, mit Struktur, mit definierten Grenzen. Ob daraus ein Präzedenzfall wird oder eine Fußnote, das wird die Zukunft entscheiden, wie Schubart selbst sagt. Die Redaktion von Energiewirtschaft.io wird die Entwicklung weiterverfolgen.

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